Thirty Flights of Loving: Ein Wegweiser für Interaktives Storytelling

Brendon Chung alias Blendo Games (Flotilla, Atom Zombie Smasher) sorgte 2009 mit dem bizarren Geniestreich Gravity Bone – ein 10-minütiger First-Person-Spionage-Thriller in surrealem Setting – für einen Kulthit, der nun in Thirty Flights of Loving endlich, endlich einen spirituellen Nachfolger findet.

So sehr, wie ich mich auf Thirty Flights of Loving gefreut habe, so sehr habe ich mich im Vorfeld darüber geärgert. Zuerst erschien es exklusiv als Bonus für eine verblödete Kickstarter-Kampagne, dann verzögerte sich der Release über Monate, und dann will man auch noch, dass ich fünf Euro bezahle, was nicht nach viel klingt, und ich bin wirklich der letzte, der normalerweise auf dieser konsumistischen Ebene argumentiert, aber come on, es ist ein verbuggtes Quake 2-Mod mit zehn Minuten Spielzeit grummel grummel grummel

Das ändert allerdings unterm Strich alles nichts: Thirty Flights of Loving ist ein vielschichtiges und formal meisterhaftes Werk der Videospielkunst, das vor allem durch seinen progressiven Einsatz von Montage wegweisend für die Praktik interaktiven Erzählens ist. Kein Spiel hat jemals dermaßen leichtfüßig und virtuos Zeitsprünge, Flashbacks und Jump Cuts eingesetzt um eine nonlineare Geschichte zu erzählen. Vergleichbares lässt sich nur im Film finden: das bruchstückhafte Puzzlespiel eines Citizen Kane, der abgehakte Rhythmus eines À bout de souffle, das aus der Ordnung gebrachte Narrativ in den Werken Quentin Tarantinos oder die assoziativ-evokativen Montagen eines Nicolas Roeg.

Wie mühelos und poetisch hier anhand des Genre-Versatzstücks “Spektakulär gescheiterter heist” sowohl über große Themen wie Liebe, Tod, Schicksal und Verrat reflektiert wird, ohne dass die wunderbaren Kleinigkeiten des Lebens vernachlässigt werden – das Schälen einer Orange, das Menschengewusel am Flughafen, das selbstmitleidige Betrinken auf der Hochzeit eines Bekannten – ist wirklich sagenhaft. Zudem weiß ich jetzt, wer Daniel Bernoulli ist und warum Flugzeuge fliegen, was klasse ist, denn wie wir wissen, sind Computerspiele nur dann zu befürworten, wenn die Kinder dabei auch was Anständiges lernen.

Thirty Flights of Loving gibt’s auf der Seite des Entwicklers und auf Steam, inkludiert einen Entwicklerkommentar und den fast ebenso brillianten Freeware-Vorgänger Gravity Bone und ist jeden Cent wert. Ich bin mir sicher, dass über dieses Spiel noch sehr lange gesprochen und geschrieben werden wird.